Fairen Wert einer Aktie berechnen – Schritt für Schritt
Der faire Wert einer Aktie ist die Summe allen Geldes, das das Unternehmen in Zukunft übrig hat – umgerechnet auf heute. Du brauchst dafür drei Zutaten: den freien Cashflow, eine Annahme zum Wachstum und einen Zinssatz zum Abzinsen. Liegt der Kurs deutlich darunter, hast du einen Puffer für Fehler in deinen Annahmen.
Preis und Wert sind nicht dasselbe
Der Kurs einer Aktie ist das, was andere gerade dafür bezahlen. Er steigt, wenn alle über eine Firma reden, und fällt, wenn Angst herrscht. Der Wert eines Unternehmens ändert sich dagegen viel langsamer. Er hängt davon ab, wie viel Geld das Unternehmen über die Jahre verdient.
Genau diese Unterscheidung steht im Mittelpunkt bei Benjamin Graham, Peter Lynch und Warren Buffett. Wer den Wert kennt, muss nicht bei jeder Kursbewegung nervös werden. Er weiß, ob er gerade zu viel bezahlt oder ein gutes Angebot vor sich hat.
Die drei Zutaten
Die bekannteste Methode, um den Wert zu schätzen, heißt Discounted Cash Flow, kurz DCF – auf Deutsch etwa „abgezinster Zahlungsstrom“. Sie beruht auf drei Fragen. Die Antworten darauf sind Annahmen. Deshalb ist der faire Wert nie eine exakte Zahl, sondern eine gut begründete Schätzung.
Der freie Cashflow ist das Geld, das ein Unternehmen übrig hat, nachdem es alle Rechnungen bezahlt und in seine Zukunft investiert hat – in Maschinen, Gebäude, Software. Er ist ehrlicher als der Gewinn, weil sich Buchungstricks darin kaum verstecken lassen. Am Ende zählt, was wirklich auf dem Konto landet. Mehr dazu im Artikel Freier Cashflow.
Das Wachstum beschreibt, wie sich dieser Betrag entwickelt. Üblich ist eine Zweiteilung: einige Jahre mit höherem Wachstum, danach ein dauerhaft niedriges, etwa auf der Höhe des allgemeinen Wirtschaftswachstums.
Die Abzinsung ist der Gedanke, dass Geld heute mehr wert ist als Geld morgen. 100 € in fünf Jahren sind heute weniger als 100 € wert, weil du in der Zwischenzeit eine sichere Alternative hättest und weil die Zukunft unsicher ist. Der Zinssatz, mit dem du abzinst, drückt genau das aus: je unsicherer das Unternehmen, desto höher. Mehr dazu im Artikel Die Abzinsung.
Die Formel
Zusammengesetzt sieht das so aus. Keine Sorge: Die Formel sagt nur in Zeichen, was oben in Worten steht.
- FW
- fairer Wert (je Aktie)
- FCFt
- freier Cashflow im Jahr t
- r
- Abzinsungssatz, zum Beispiel 9 % = 0,09
- n
- Zahl der Jahre, die du einzeln planst
- EW
- Endwert: alle Jahre nach Jahr n zusammen
Der erste Teil rechnet jedes geplante Jahr einzeln auf heute zurück. Der zweite Teil, der Endwert, fasst alle Jahre danach zusammen. Dafür nimmt man an, dass der Cashflow ab dann jedes Jahr gleichmäßig mit der Rate g wächst:
- g
- dauerhaftes Wachstum nach Jahr n, zum Beispiel 2,5 % = 0,025
Wichtig: g muss kleiner sein als r. Sonst würde die Formel einen unendlichen Wert ergeben – und kein Unternehmen ist unendlich viel wert.
Das Rechenbeispiel
Nehmen wir eine ausgedachte Beispiel AG. Sie erwirtschaftet heute 10 € freien Cashflow je Aktie. Wir nehmen an, dass er fünf Jahre lang um 8 % im Jahr wächst und danach dauerhaft um 2,5 %. Abgezinst wird mit 9 %.
| Jahr | Freier Cashflow | Wert heute |
|---|---|---|
| 1 | 10,80 € | 9,91 € |
| 2 | 11,66 € | 9,82 € |
| 3 | 12,60 € | 9,73 € |
| 4 | 13,60 € | 9,64 € |
| 5 | 14,69 € | 9,55 € |
| Summe Jahre 1–5 | 48,64 € | |
| Endwert (alle Jahre danach) | 231,70 € | 150,59 € |
| Fairer Wert je Aktie | 199,23 € |
So liest du die Tabelle: Im ersten Jahr wächst der Cashflow von 10 € auf 10,80 €. Weil du das Geld aber erst in einem Jahr bekommst, ist es heute nur 10,80 € ÷ 1,09 = 9,91 € wert. Im fünften Jahr sind es 14,69 €, heute nur noch 9,55 € – je weiter weg, desto stärker wird abgezinst.
Für den Endwert wächst der Cashflow aus Jahr 5 noch einmal um 2,5 % und wird dann durch 9 % − 2,5 % = 6,5 % geteilt: 14,69 € × 1,025 ÷ 0,065 = 231,70 €. Auf heute abgezinst bleiben davon 150,59 €.
Auffällig ist: Gut drei Viertel des fairen Werts stecken im Endwert, also in allem nach Jahr fünf. Genau deshalb reagiert das Ergebnis so stark auf die Annahme zum dauerhaften Wachstum. Dazu gleich mehr bei den typischen Fehlern.
Die Sicherheitsmarge
Benjamin Graham, der Lehrer von Warren Buffett, hat dafür einen Begriff geprägt, der bis heute gilt: die Sicherheitsmarge. Weil deine Annahmen nie genau stimmen werden, kaufst du nicht zum fairen Wert, sondern mit Abstand darunter.
Bei einer Sicherheitsmarge von 25 % hieße das für die Beispiel AG: fairer Wert 199,23 € × 0,75 = rund 149 €. Liegt der Kurs darüber, wartest du. Liegt er darunter, hast du einen Puffer, falls die Zukunft schlechter wird als gedacht. Wie groß dieser Puffer sein soll, entscheidest du selbst – je unsicherer das Unternehmen, desto größer. Mehr dazu im Artikel Die Sicherheitsmarge.
Warum ein Modell allein nicht reicht
Der DCF ist ehrlich, aber empfindlich. Kleine Änderungen an den Annahmen verschieben das Ergebnis deutlich. Deshalb lohnt sich ein zweiter und dritter Blickwinkel, etwa ein Vergleich über Kennzahlen wie EV/EBITDA, bei dem du schaust, wie der Markt ähnliche Unternehmen bewertet. Liegen die Ergebnisse weit auseinander, ist das kein Fehler, sondern ein Hinweis: Eine deiner Annahmen ist zu optimistisch oder zu vorsichtig.
Und nicht jedes Unternehmen lässt sich so rechnen. Bei einer Bank ist Geld leihen das eigentliche Geschäft, der freie Cashflow sagt dort wenig. Bei einem REIT, einer Immobiliengesellschaft, verzerren Abschreibungen den Gewinn. Für beide braucht es eigene Modelle.
Drei typische Fehler
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Häufige Fragen
Welcher Abzinsungssatz ist richtig?
Einen einzig richtigen gibt es nicht. Häufig werden für große, stabile Unternehmen etwa 8 bis 10 % verwendet, für jüngere oder riskantere mehr. Wichtig ist, dass du ihn bewusst wählst und bei allen Aktien nach derselben Logik vorgehst.
Wie viele Jahre sollte ich einzeln planen?
Meist fünf bis zehn. Je weiter du in die Zukunft planst, desto unsicherer werden die Zahlen. Fünf Jahre sind ein guter Anfang; danach übernimmt der Endwert.
Funktioniert das auch bei Banken und REITs?
Nur schlecht. Bei Banken ist Geld leihen das Geschäft, bei REITs verzerren Abschreibungen den Gewinn. Für beide gibt es eigene Bewertungsmodelle, etwa über den Buchwert oder die Funds from Operations (FFO).
Ist der faire Wert eine Kaufempfehlung?
Nein. Er ist das Ergebnis deiner Annahmen. Ob du kaufst, entscheidest du – der faire Wert hilft dir nur, nicht blind zu kaufen.
Keine Anlageberatung. Alle Inhalte dienen ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Die Beispiel AG ist ausgedacht; reale Unternehmen sind nur Beispiele, keine Empfehlungen.